#Mauerfall: meine persönliche Geschichte.

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Hallo, meine Lieben!

25 Jahre ist es nun her, dass die Wand aus Beton und Grausamkeit, die West- und Ostdeutschland trennte, eingerissen wurde.

Ich war damals 5 Jahre alt und möchte eine sehr persönliche Sicht auf den Mauerfall teilen. Ich war 5 Jahre alt und erinnere mich? Nein, ich erinnere mich nicht. Aber wenn man in Ostdeutschland aufwächst, dann begleitet einen dieses Ereignis vielleicht etwas mehr, als Kinder, die im Westen der Republik aufgewachsen sind.

Und so erinnere ich mich an Geschichten meiner Großeltern, auch an Geschichten meiner Eltern. Ich erinnere mich daran, dass alle sagten, früher gab es mehr Arbeit. Jeder hatte Arbeit. Dass ich mit 6 Monaten bereits große Teile des Tages in der Krippe betreut wurde, weil meine Eltern arbeiten mussten, das habe ich auch gehört. Ich habe gehört von dem Konsum (gesprochen: Konnsumm), also dem ostdeutschen Supermarkt. Ich kenne Geschichten von Westpaketen, die nach Ostdeutschland kamen.

Ich kenne sowohl schöne, als auch traurige Geschichten aus Ostdeutschland,- bin aber in einer Familie aufgewachsen, die sich eigentlich wohl gefühlt hat. Meine Eltern waren damals vielleicht noch zu jung, um die Grausamkeit zu verstehen, meine Großeltern zu lange in den ostdeutschen Werten verhaftet. Aber ich kenne auch Geschichten von Menschen, die nicht studieren konnten, weil sie sich gegen das Regime aufgelehnt hatten oder in der Kirche waren. Ich kenne Geschichten von Kindern, die von ihren Eltern zurück gelassen wurden, weil der Leidensdruck in der DDR so groß war, dass sie keinen anderen Ausweg gesehen haben. Ich habe Geschichten gehört von Nachbarn, die unter dem Druck der Obrigkeit zu Spitzeln wurden. In meinem Heimatort gibt es eine Straße, in der Häuser stehen, die damals Fahrradspiegel neben die Fenster montiert hatten, um die Menschen besser beobachten zu können. Man kann jetzt noch die Montagespuren sehen.

Das sind keine schönen Geschichten und so sehr ich auch manchmal in Ostalgie verfalle, wenn ich an Knusperflocken oder Bambina Schokolade denke, umso deutlicher ist es doch, dass das, was vor 25 Jahren ein Ende fand, nie wieder einen Anfang finden sollte.

Ich komme aus einer Familie, die in der DDR gut zurecht kam und nicht leiden musste. Und doch weiß ich, dass das, was damals passiert ist, grausam war und Familien auseinander riss und Menschen gegen ihren Willen einsperrte.

Heute feiern wir den Tag, als die Mauer fiel und Deutschland wieder ein Land geworden ist. Und eigentlich bin ich froh, dass ich damals noch so klein war und meine DDR Erinnerungen größtenteils aus Süßigkeiten und Geschichten bestehen. Denn ohne den Mauerfall wäre ich wahrscheinlich nie hier her gekommen, hätte nie den Freund kennen gelernt und wäre nie der Mensch geworden, der ich Heute bin. Und diesen Blog hätte man spätestens nach diesem Beitrag wahrscheinlich gelöscht. Und mich abgehört. Oder vernommen in einem der Stasi-Gefängnisse. Vernommen für die eigene Meinung, die nicht zu der des Regimes passt.

Seien wir Heute also dankbar, dass am 9.11.1989 ein großes Stück gesamt-deutsche Geschichte geschrieben worden ist! Und darauf backe ich jetzt einen Kalten Hund und esse heute Abend eine Schüssel Soljanka.

Wie ist das bei euch? Habt ihr den Mauerfall bewusst miterlebt oder wart ihr auch noch zu klein?

Alles Liebe,

Katja

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19 Gedanken zu “#Mauerfall: meine persönliche Geschichte.

  1. Sunny schreibt:

    Liebe Katja, ich war fast acht, als die Mauer fiel, aber ich habe auch kaum noch Erinnerungen daran. Nur, dass den ganzen Abend der Fernseher lief (damals war er bei uns noch schwarz-weiß) und meine Eltern sehr aufgeregt waren. In meiner Familie gibt es gar keine Geschichte im Zusammenhang mit dem Mauerfall, aber ich danke Dir, dass Du Deine Dich sehr persönlichen Erlebnisse hier mit uns teilst! Liebe Grüße, Sonja

  2. Ulli schreibt:

    Ich war da mal gerade 1 Jahr alt und habe da nichts von mitbekommen.
    Meine Eltern leben schon lange in Ostfriesland. Aber meine Mutter ist in Braunschweig aufgewachsen, da war das etwas präsenter. Erzählt haben sie aber nicht viel und so weiß ich nur das typische aus der Schule.

  3. Rode schreibt:

    Ich bin Brasilianerin und wohne seit 14 Jahren in Deutschland. Als die Mauer fiel, war ich 6 Jahre alt, und ich kann mich an diesen Tag erinnern! Mein Vater saß vorm Fernseher und hat versucht mir zu erklären, was da gerade passiert und warum die Menschen auf der Mauer standen und lachten, weinten, sich umarmten… Ich habe natürlich nichts verstanden, aber die Bilder habe ich nie vergessen!

  4. Larissa schreibt:

    Sehr schön beschreibst du das! Ich war ja damals auch erst vier und noch dazu Westdeutsche. Aber ich habe noch einige Erinnerungen an die DDR und meine Großtante, die uns als einzige Verwandte besuchen durfte. Meine kindlichen Erinnerungen sind demnach auch rein positiv.
    Dafür hatte ich vor ein paar Jahren in Dresden eine Mitbewohnerin (Jahrgang 1987!), die alle Westdeutschen als BMW-Fahrer abgestempelt hat und die um Jahre abgelaufene Tütensuppen gehortet hat, weil sie ja früher nichts hatte …

  5. Maureen schreibt:

    Danke für die Geschichte 😉
    Meine Mutter und große Schwester kommen aus Thüringen und sind nach der Wende in den Westen und haben meinen Vater kennen gelernt. Meine Familie „drüben“ hatte keine Probleme, hat sich dem Regime gebeugt.

    Ich bin erst 1993 geboren, aber ohne den Mauerfall würde es mich nicht geben.
    Ganz viele Familien würde es so nicht geben, wie sie es heute sind.
    Und ich bin so dankbar für diese Revolution und mein Leben 😀

  6. Maribel schreibt:

    Schön! Ich finde es auch wichtig drüber zu sprechen. Leider werden viel zu häufig die Unterschiede zwischen Ost und West aufgezeigt, wenn es um die Wiedervereinigung geht – paradox, oder? Die Eltern einer meiner liebsten Freundinnen kommen aus dem Osten und von Ihnen als auch Ihrer Familie habe ich immer nur gutes erfahren. Gut, sie leben nun auch schon lang genug hier und haben dementsprechend nichts mehr auszusetzen, als drüben. Allerdings habe ich auch schon die ein oder andere Geschichte erlebt, bei der ich ziemlich doof angemacht wurde und als „Scheiß Wessi“ bezeichnet wurde. Und mir vorgeworfen würde „Jaja, im Westen wachsen auch die goldenen Äpfel auf den Bäumen!“ (Wort wörtlich!) Einfach weil ich da war. Wir hatten uns nett vorgestellt, erzählten, dass wir aus Gießen kommen und uns freuen noch das, das und das zu sehen. Und dann sowas. Aus dem nichts. Ich hätte vorher nie gedacht, dass es da tatsächlich noch so eine Lücke gibt. Nun gut, ich denke einfach, dass sie so erzogen worden sind und nie gute Geschichten gehört haben so wie du, sondern nur die schlechten Seiten.
    Aber du hast recht. Wir sollten heute daran denken, dass so etwas, wie eine Spaltung nie wieder passieren darf! Und ich bin dafür, dass unser wiedervereinigtes Deutschland auch heute noch daran arbeitet, dass es so bleibt.

    Vielen Dank für diesen kurzen Abstecher in die Vergangenheit.

  7. fraumasulzke schreibt:

    Hallo Katja, ich hab heute auch darüber geschrieben auf meinem Blog. Ich war damals 20 und habe das hautnah mitbekommen – bis heute habe ich Gänsehaut, wenn ich an die Zeiten damals denke… wenn Du Lust hast, schau mal vorbei.
    Beste Grüße Merle aka fraumasulzke

  8. Bia schreibt:

    Liebe Katja,
    Ich war 10 Jahre alt und habe es trotzdem damals nicht verstanden, da wir keinen in der DDR kannten.
    Schade finde ich nach wie vor, dass das Ossi/Wessi-Gerede auch bei jungen Menschen noch drin ist, obwohl die die DDR gar nicht mehr miterlebt haben… Traurig – aber selbst nach 25 Jahren ist noch lange nicht alles eins.
    Danke für’s Teilen Deiner Erinnerungen!
    Liebe Grüße
    Nabiha (insta: ronalu)

  9. FrauAlberta schreibt:

    Ich habe auch heute drüber gebloggt. War ein Jahr älter als du und habe das ganz anders in Erinnerung… 🙂 Mich hätten sie nach meinem Blogpost auf jeden Fall eingesperrt… Liebe Grüße und eine schöne Woche, Anika

  10. Schwarzwaldmaidli schreibt:

    Klasse, das du deine Erinnerungen mit uns teilst.
    Ich war damals 1 1/2 Jahre alt und kann mich daher nur an ein gemeinsames Deutschland erinnern.
    Für mich selbst ist es unvorstellbar, dass Menschen so behandelt worden sind….
    Liebe Grüße

  11. Marlene schreibt:

    Schade, dass man auch heute immer noch jeweils als Ossi oder Wessi bewertet wird, wenn man z.B. für Ausbildung oder Job umzieht. Erst in Hamburg hab ich mich erstmals als Ostdeutsche gefühlt, obwohl ich mich an den Mauerfall selbst gar nicht erinnern kann. Interessant zu sehen, wie langsam ein Land wieder zusammenwächst!

  12. trevaligette schreibt:

    Dein Beitrag ist echt spannend! Ich komme aus der Schweiz, allerdings waren meine Grosseltern kurz vor Mauerfall auf Verwandtenbesuch in der DDR, und meine Grossmutter hat ein ausführliches Reisetagebuch verfasst. Ich habe heute auch darüber gebloggt – das Thema beschäftigt mich sehr.
    Liebe Grüsse!

  13. San schreibt:

    Ich bin im westlichsten Westen aufgewachsen (fast an der holländischen Grenze) und wir hatten keine Verbindung (sprich: Familie) in Ostdeutschland, so dass für mich der Mauerfall zwar ein historisch wichtiges Ereignis war ich aber die Tragweite nicht erfassen konnte. Das sieht natürlich heute anders aus!
    Ich habe heute so viel gute Freunde in und aus dem Osten und bin — nun, wo ich die geschichtlichen Zusammenhänge kenne — so entsetzt, dass das überhaupt so möglich war und so dankbar, dass dieses Kapitel ein Ende gefunden hat und auch, dass wir uns an dir und deinen Blog dadurch erfreuen dürfen 😉

    P.S. Kalter Hund ist übrigens nichts typisch ostdeutches (soweit ich weiss), der erinnert mich auch an meine Kindheit 🙂

  14. kindderachtziger schreibt:

    Hallo Katja,

    vielen Dank für den Einblick in deine persönliche Geschichte. Ich war beim Mauerfall knapp 5 Jahre alt und lebte in Westdeutschland. Wirklich erinnern kann ich mich nicht genau wie du, aber es gibt da so Bilder in meinem Kopf wie meine Eltern gespannt das Geschehen am Fernsehen verfolgten und ich sogar über die Tagesschau hinaus aufbleiben durfte. Vermutlich ist es weniger Erinnerung als ein Gefühl, dass mein Umfeld damals beim Anblick der Bilder vermittelt hat, dass ich bis heute in mir trage. Daher bin ich froh und dankbar, dass es vor 25 Jahren diese Entwicklung gab, man heute das ganze Berlin ohne Sorgen bereisen kann, wenn man bei den schön gestalteten Resten der Mauer steht es unvorstellbar ist, dass dies mal eine echte Grenze war. Heute macht man sich vielfach Gedanken über das Internet in Hinblick auf Datensicherheit usw. dennoch glaube ich, dass es damals ganz anders war und wir heute froh sein können, so viele Freiheiten zu haben. Man muss nur damit umzugehen wissen, dann hat man auch im Netz mit der Datensicherheit kein Problem.

    Wünsche dir einen guten Start in die Woche, Silke

  15. Tobia | craftaliciousme schreibt:

    Hallo Katja,
    ich find es schon solche Erlebnisse zu lesen. Wie unterschiedlich die doch bei jedem sind. Auch ich war sehr jung habe aber alles sehr genau mitbekommen und es hat mich sehr geprägt. Vielleicht magst du genaueres auf meinem Blog lesen.
    Ich bin froh, dass es so gekommen ist – viele Menschen würde es sonst in meinem Leben nicht geben. Aber es ist auch wichtig daran zu erinnern, denn häufig wird Geschichte schöngeredet. Denn selbst wenn nichts „Schlimmes“ passiert ist, es ist doch eine andere Atmosphäre in einem nicht demokratischen Land.
    Danke für’s teilen und liebe Grüße, Tobia

  16. Izzie schreibt:

    Vielen Dank für diese Geschichte, ich fand das sehr interessant!

    Ich selber bin in der DDR geboren, aber nicht aufgewachsen, da ich Jahrgang 1989 bin. Aber man wächst natürlich mit den Werten und Erfahrungen auf, die einem die Familie vermittelt und die sind nun mal in der DDR aufgewachsen. Daher würde ich schon sagen, dass ich eine gute Mischung bin aus Einheits- und Ossikind. Man muss ja auch ganz ehrlich sagen, dass nicht alles schlecht war. Es gab auch sehr viel Gutes und das sollte man nicht vergessen. Dennoch bin ich froh, dass ein solcher Staat nicht mehr existiert. Auch wenn es meiner Familie weitestgehend gut in der DDR ging (also ein „normales/durchschnittliches“ Leben führten), gab es doch einige Sachen, die das Leben meiner Eltern negativ beeinflusst hatten. So wurde meinem Vater der Studienplatz abgesprochen, weil er den Politikunterricht geschwänzt hat (er konnte sich gerade als Teenager nie mit dem System abfinden) und meine Mutter hatte die Wahl zwischen einer Ausbildung oder einem Lehramtstudium. Sie wollte gerne studieren, aber eben kein vordiktierten Studiengang. Dennoch sind das eher kleinere Einschränkungen in der persönlichen Freiheit, wenn man das mit anderen Geschichten vergleicht.

    Hach, lange Rede kurzer Sinn. Ich bin froh, dass es heute so ist, wie es ist, aber werde vermutlich auch meinen Kindern viel der Ostmentalität (bzw. der Mentalität mit der ich aufgewachsen bin) mitgeben, da es auch viele Dinge gibt, auf die ich stolz bin. So hat sich in meiner Beziehung zu meinem Wessi-Freund z.B. immer herausgestellt, dass er nie lernte etwas zu reparieren, da seine Eltern das auch nie taten und es auch nie mussten – es wurde einfach neu gekauft. Meine Familie könnte da mit MacGyver verwandt sein, denn wenn man kaum was hatte, musste man erfinderisch sein.
    Erschreckend finde ich nur, dass in vielen Köpfen noch immer eine Mauer ist. Und noch viel schlimmer sind viele Vorurteile, mit denen ich seit meinem Umzug nach Hamburg konfrontiert wurde. Auch wenn es super viele liebe Menschen hier (sowohl in Hamburg als auch allgemein in „Westdeutschland“) gibt, so gibt es leider auch so einige, die Ossis als Menschen zweiter Klasse ansehen, als dumm, einfach gestrickt, undankbar (weil man sie ja aus dem Osten gerettet hat) etc. Ich hoffe sehr, dass sich das in den nächsten Jahren noch mehr ändert und man diese Ganze Sache wirklich als Vergangenheit ansehen kann.

    So, und nun mach ich mir mit meinem AKA Polyfix (mein treuer Handrührer, der älter ist als ich) eine Kalte Schnauze/Kalten Hund und schaue Polizeiruf 110 😉

  17. lomoherz schreibt:

    Ich bin auch in Ostdeutschland groß geworden und hatte deshalb auch unbedingt den Drang, meine Geschichte dazu in meinem Blog aufzuschreiben. Die Geschichten die du hier beschreibst, kommen mir so bekannt vor.. Ein beklemmendes und befreiendes Gefühl, das sich über so viele Generationen spannt wie kein anderes..

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