Buchtipps mit Herz: Joanna Rakoff – Lieber Mr. Salinger

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Meine Lieben,

heute habe ich mal etwas ganz Anderes für euch. Keinen Jugendroman, keinen Krimi, sondern etwas Autobiografisches. Grundlegend diese Werke für mich nur schwert rezensierbar, aber Joanna Rakoff hat mit Lieber Mr. Salinger* eine wahre Ode an die Literatur verfasst:

Manuskripte lesen, neue Autoren finden, in der Bücherwelt leben – genauso stellt man sich die Literaturbranche vor. Doch als Joanna, Mitte der Neunziger, ihren Master in der Tasche hat und die Promotion verweigert, muss sie schnell lernen, dass das wahre Leben leider ganz anders aussieht. Sie wird Assistentin in einer renommierten Literaturagentur, die unter anderem auch J.D. Salinger vertritt. Doch der Job ist nicht ohne Grund so einfach zu bekommen: Die Chefin raucht, schreit und kündigt jede Aushilfe, sobald sie ihr nicht mehr in den Kram passt.


Statt neue Werke zu entdecken, findet sich Joanna schnell hinter einer staubigen, alten Schreibmaschine wieder, denn ihre Chefin hält gerne am Altbekannten fest. Generell scheint die Agentur eher in der Zeit der Achtziger stehen geblieben zu sein. So tippt sie jeden Tag den Briefverkehr für ihre Chefin ab und beantwortet die unzählige Fanpost, die Salinger erhält. Dass dieser den Kontakt zur Außenwelt verweigert ist grundlegend bekannt, doch die Fans hält es nicht ab in Scharen nach Autogrammen oder gewünschten Reden zu fragen. Jeder erhält den gleichen Standardbrief, den Joanna auf der Schreibmaschine anfertigen muss.

Doch nicht nur den Berufseinstieg mit einer mürrischen Chefin muss sie meistern, sondern auch das alltägliche Leben. Ihre Rechnungen sind zu hoch, das Gehalt zu niedrig. Zuhause sitzt ihr Freund, der mehr eine Gewohnheit als eine Freude ist und überhaupt scheint in ihrem Leben noch nichts den rechten Platz gefunden zu haben. Daher beschreibt Lieber Mr. Salinger* nicht nur Rakoffs Liebe zur Literatur, sondern auch ihren Weg durch die wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens.

Dass Joanna Rakoff für mehr als eine Assistentenstelle bestimmt ist, sollte man schon nach den ersten vierzig Seiten merken. Denn es geht nicht um viel, trotzdem will man immer noch eine Seite lesen. Gekonnt und fesselnd erzählt sie von ihrem Leben in New York, der Arbeit in der Agentur und ihrem Privatleben. Wer jetzt denkt, dass Salinger omnipräsent ist, der liegt falsch. Natürlich hat die Arbeit um und mit Salinger ihre Zeit geprägt, getroffen hat sie den Autor jedoch nur einige kurze Male. Besonders charmant ist es, dass Rakoff, als sie ihren Job beginnt, noch keines der Werke Salingers gelesen hat. Natürlich kennt sie den Fänger im Roggen oder Franny & Zooey, wollte dem Hype aber nie nachgeben. Daher ist es umso amüsanter, Salinger durch ihre neutralen Augen zu sehen.

„Aber wenn du deine Gefühle nicht zeigen kannst – wie geht es dann weiter?
Was machst du dann mit ihnen?“

Die Geschichte ist eine gute Mischung aus ihrer Arbeit und ihrem verqueren Privatleben. Natürlich ist es schwer hier einen Handlungs- oder Spannungsaufbau zu kritisieren oder zu loben, da Lieber Mr. SalingerRakoffs persönliche Lebensgeschichte samt Krisen, Erfolgen und Niederlagen erzählt. Man muss kein großer Salinger-Liebhabe sein, um diese Geschichte zu mögen. Joanna kann ihr Leben so wunderbar in Worte fassen, dass man das Buch gut und gerne in einem Rutsch lesen kann. Gerade die Passagen in den Joanna über ihr Leben nachdenkt und über das Glück philosophiert und ihre Möglichkeiten abwiegt, sind besonders lesenswert. Ebenso die Leserbriefe, die Joanna nach einiger Zeit immer persönlicher und tiefsinniger beantwortet und sich damit ein Stück weit selber hilft.


Auch, wenn ihr Holden oder Zooey noch nicht kennengelernt habt und auch keinen Salinger in der Hand gehalten habt, sollte dies kein Grund gegen das Buch sein. Wer wissen möchte, wie die Literaturbranche in den Neunzigern aussah und wie sich eine frische Absolventin durch das damalige New York gekämpft hat, der ist hier an der richtigen Adresse. Es ist eine literarische, wundervolle Annäherung an Salinger, eine Liebeserklärung an das Lesen und eine kleine Abrechnung mit der Welt der Literatur. Einige Klischees werden aufgeräumt, andere bestätigt , so dass ein kleiner, feiner Blick hinter die Kulissen entsteht – in eine Zeit, als der digitale Wahnsinn noch nicht eingesetzt hatte.

Astrid

Meine liebe Astrid,

und wieder ein Buch, das ich am liebsten sofort kaufen möchte! Vielen Dank für deine liebenswerte Rezension und diesen tollen Tip! Habt ihr das Buch schon gelesen? Wollt ihr es noch lesen?!

Alles Liebe,

Katja

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